Termine >> Zwischen Liebe und Wut
Am 1. März 2012 lud Pflege LebensNah Angehörige und Fachleute zum Kongress "Zwischen Liebe und Mut - Leben mit Menschen mit Demenz" ein.
Die nachstehende Pressemitteilung fasst das Geschehen noch einmal zusammen.
Leben mit Menschen mit Demenz
Rendsburg, 2. März 2012 – „Wir begegnen ihnen mit Liebe und haben das Recht, auch mal wütend zu sein“, sagte Irene Fuhrmann in ihrem Grußwort auf dem Kongress „Zwischen Liebe und Wut – Leben mit Menschen mit Demenz“, organisiert von Pflege LebensNah. Als Leiterin der Hausgemeinschaften für Menschen mit Demenz des Rendsburger Pflegeanbieters ist es ihr ein besonderes Anliegen, die Belastungen, Hoffnungen, Sorgen und Nöte von Angehörigen zur Sprache zu bringen. Dieses Angebot nahmen die rund 200 Gäste im Kulturzentrum in Rendsburg gestern gern an. Der Kongress feierte auch das 10-jährige Bestehen des Richard und Christel Riese-Hauses – die erste ambulante Hausgemeinschaft für Menschen mit Demenz in Schleswig Holstein.
Für diesen Mut und die engagierte Arbeit dankte der Sozialminister Dr. Heiner Garg in seinem Grußwort den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern von Pflege LebensNah: „Sie haben für die Bewohner ein gutes Zuhause geschaffen, in dem ihre Wünsche und Bedürfnisse trotz Demenz zur Geltung kommen. Und damit haben Sie einen erfolgreichen Weg für eine zukunftsweisende Betreuung von demenziell erkrankten Menschen in unserem Land eingeschlagen.“ Der Minister lobte, dass das Rendsburger Beispiel Schule gemacht habe.
„Der Ausbau von vielfältigen Versorgungsstrukturen für ein selbstbestimmtes Leben im Alter und auch bei Demenz ist ein zentrales pflegepolitisches Ziel der Landesregierung“, sagte Garg. „Dazu gehört auch die Stärkung der häuslichen Pflege zum Erhalt der eigenen Häuslichkeit und zur Entlastung der pflegenden Angehörigen.“
Tabus und Schamgefühle überwinden
Die Pflege und Betreuung von hilfebedürftigen Lebensgefährten, Ehepartnern oder Eltern lastet auf pflegenden Angehörigen. Heftige und widersprüchliche Gefühle wechseln sich dabei ab: Liebe, Wut, Verzweiflung und Hoffnung. „Die Folgen können erheblich sein, beispielsweise der Griff zu Tabletten oder zur Flasche. Auch verbale und körperliche Gewalt gegen erkrankte Menschen sind weit verbreitet. Scham, Hilflosigkeit, Überforderung und Isolation gefährden die körperliche und seelische Unversehrtheit der Betroffenen“ erklärt Brigitte Voß, Leiterin der Pflege- und Alzheimer-Beratungsstelle von Pflege LebensNah. Swen Staack, Leiter des Kompetenzzentrums Demenz und Vorstandsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, betonte, wie wichtig es daher sei, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. „Veranstaltungen wie diese oder auch das öffentliche Bekenntnis zu der Krankheit und ihren Folgen wie von Rudi Assauer helfen, immer noch bestehende Tabus und Schamgefühle zu überwinden.“
Das Kompetenzzentrum Demenz, das den Kongress unterstützte, bündelt in Schleswig-Holstein alle landesweiten Koordinierungs- und Beratungsaufgaben zum Thema Demenz.
Wichtiger als Medikamente: Zuwendung und Nachbarschaft
Dr. med. Ursula Becker, Allgemein- und Palliativmedizinerin aus Alfter bei Bonn, hielt auf dem Angehörigenkongress einen von zwei Fachvorträgen. Sie weiß, welche Hoffnungen in Ärzte und den medizinischen Fortschritt gesetzt werden. Doch sie warnt: „Verbesserte Medikamente und Behandlungsmethoden sind die eine Seite. Sie ist wichtig, aber nicht ausschlaggebend. Wir müssen zu einem Denken gelangen, das viel näher am Menschen ist. Von zentraler Bedeutung bleibt Zuwendung für die Erkrankten und für ihre Unterstützungspersonen. Einfühlung, Respekt, Anerkennung und Ermutigung stärken die Hilfskräfte der Helfer und der Erkrankten.“
Der Angehörigenkongress zeigte auch, welche alternativen Lebensformen für Menschen mit Demenzerkrankungen heute möglich sind. Dazu berichtete Theresia Brechmann, eine Expertin, die seit 25 Jahren Wohnungsunternehmen, Kommunen und ambulante Versorger in der Nachbarschaft zusammenbringt, von ihren Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen. Sie ist Mitgründerin des „Bielefelder Modells“, das bundesweit für eine nachbarschaftlich-ambulante Einbettung und Versorgung von Wohnprojekten für Menschen mit und ohne Hilfebedarf Maßstäbe gesetzt hat. Die in diesen Wohnprojekten lebenden Personen profitieren von Versorgungssicherheit – ohne gesonderte Betreuungspauschalen.
Der Nachmittag des Kongresses bot den anwesenden Angehörigen, Pflegekräften und Fachleuten die Möglichkeit, alle Themen in sechs Workshops zu vertiefen.
Dass bei aller Ernsthaftigkeit des Themas der Humor nicht verloren gehen darf, bewies Jörg Jará mit seinem besonderen Beitrag: Die in die Tage gekommene Puppe des Bauchredners „Herr Jensen“ beschwor die Gäste eindringlich, viele Nüsse zu essen, um äußerlich und innerlich jung zu bleiben. Damit brachte er sie immer wieder herzlich zum Lachen und löste die Anspannung. Humor – vielleicht die wichtigste Medizin für Angehörige von Menschen mit Demenz.

